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Infrastruktur

Digitalisierung und Nachhaltigkeit

Im September 2020 erschien eine Pressemitteilung des Bitkom-Verbandes unter der Überschrift „Digitalisierung sorgt für mehr Nachhaltigkeit in der Industrie“[1]. Nahezu zeitgleich erschien ein wissenschaftlicher Artikel von Digitalisierungsexperten des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) und der Technischen Universität Berlin unter dem Titel „Digitalisierung gleich Klimaschutz? Bislang Fehlanzeige“, der das Ergebnis einer Studie eines fünfjährigen Forschungsprojekts „Digitalisierung und sozial ökologische Transformation“[2], gefördert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung im Förderschwerpunkt „Sozial-ökologische Forschung“, zusammenfasst. Darin wird ausgesagt, dass sich der im Rahmen der Digitalisierung erwartete Trend, „den globalen Energiebedarf zu verringern und damit zum Klimaschutz beizutragen, bislang nicht einstellt. Im Gegenteil: Steigende Energieverbräuche des Informations- und Kommunikationstechnologie-Sektors (IKT) und höheres Wirtschaftswachstum konterkarieren eine Reduktion des Energiebedarfs.“

Wie lassen sich diese gegensätzlichen Aussagen verstehen? Sieht der Bitkom-Verband die Vorteile einfach zu sehr an den Bedürfnissen der Wirtschaft orientiert? „Wenn wir die Digitalisierung beschleunigen, kann sie mit 46 % fast die Hälfte der bis 2030 nötigen CO2-Einsparungen erzielen, und das allein in den hier untersuchten vier Anwendungsbereichen“[3]. Ist das so, oder sind die vielen Aktivitäten zur Digitalisierung vielleicht sogar ein Rückschritt im Hinblick auf die Überlebensthemen Klimaschutz und Nachhaltigkeit? Graben wir uns durch die Digitalisierung nicht vielleicht das Wasser ab? So einfach zu bewerten ist es dann allerdings doch nicht. Genauer betrachtet ist der Sinn solcher Untersuchungen gerade darin zu sehen, dass sie nicht für die Entscheidung für oder gegen so etwas wie Digitalisierung taugen. Abgesehen davon, dass hier eine Entwicklung in Gange gekommen ist, die gar nicht so einfach aufgehalten werden kann. Weder Verteufelung, noch die Suche nach Heilsversprechen sind hier hilfreich. Besser wäre es, darüber nachzudenken, was die Aussagen im Einzelnen bedeuten und wie sie genutzt werden können, um Fehlanreize und Fehlentwicklungen zu vermeiden oder zumindest zu reduzieren.

Ein Beispiel soll deutlich machen, dass es einer differenzierten Betrachtung bedarf, um hier weiterzukommen. In einer oft zitierten Veröffentlichung von Sühlmann-Faul und Rammler[4] heißt es: „Der Emissionsausstoß der Rechenzentren trägt zur anthropogenen CO2-Menge aktuell ungefähr so viel bei wie der Flugverkehr“. Wobei hier eine steigende Tendenz gesehen wird und aktuelle Entwicklungen im Rahmen des Internet der Dinge (IOT) noch nicht eingeflossen sind. Was könnte die Konsequenz daraus sein? Weniger Digitalisierung? Weniger Rechenzentren? Weniger Flugverkehr? Aber gibt es nicht auch andere Antworten? Weniger Energieverbrauch! Mehr Einsatz erneuerbarer Energien! Weniger Flugverkehr (durch Digitalisierung)! Und perspektivisch weniger schädliche Treibstoffe durch neue nachhaltige Kraftstoffe – vielleicht Wasserstoff! Nun sind auch diese Antworten leicht gesagt, die Umsetzung ist dagegen deutlich anstrengender. Aber es gibt Lösungsmöglichkeiten, wenn der Wille zu handeln besteht. Das lässt sich vom Globalen auch auf das Lokale übertragen. Und dann sind wir auch bei den Hochschulen. Und da stellt sich die Frage, kann Digitalisierung hier etwas zur Nachhaltigkeit beitragen? In der Lehre, in der Forschung und im Betrieb der Gebäude? Was denken Sie?


[1] https://www.bitkom.org/Presse/Presseinformation/Digitalisierung -sorgt-fuer-mehr-Nachhaltigkeit-in-der-Industrie

[2] https://www.nachhaltige-digitalisierung.de/index.php?id=1746

[3] https://www.bitkom.org/sites/default/files/2020-11/erste-ergebnisse_bitkom-studie_klimaeffekte-der-digitalisierung_2020-11-26.pdf

[4] Sühlmann-Faul, Felix und Rammler, Stephan (Hrsg.): Der blinde Fleck der Digitalisierung. oekom Verlag, München, 2018. ISBN-13: 978-3-96238-088-5


Bildquelle: Pixabay/Gerd Altmann


Ralf-Dieter Person