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Lehre, Lernen

Hochschulen, Corona und jetzt?

Wer sich einen Überblick über die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf den Hochschulsektor verschaffen möchte, hat dazu gegenwärtig vielfältige Möglichkeiten. Eine wachsende Anzahl von Studien beleuchtet die Situation auf unterschiedlicher Ebene und aus verschiedenen Perspektiven. Eine weitere Studie, die auf die Zielgruppe der Studierenden und Lehrenden fokussierte, hat nun der Stifterverband vorgelegt. Auch das Ziel der quantitativen Erhebung „Hochschulen, Corona und jetzt?“, die in Kooperation mit McKinsey & Company entstanden ist, bestand darin, die Reaktion deutscher Hochschulen auf die andauernde Ausnahmesituation zu erfassen.

Zu diesem Zweck wurden vom 20. Juli bis zum 14. August 2020 Fragebögen an deutschen Hochschulen bereitgestellt, die von insgesamt mehr als 11.000 Studierenden und 1.800 Lehrenden ausgefüllt wurden. Die dabei gesammelten Informationen wurden im Rahmen eines Diskussionspapers ausgewertet und zusammengefasst. Die zentralen Ergebnisse bestätigen im Wesentlichen das Bild, dass sich aus vorangehenden Studien ergibt: Den Studierenden fehlt insbesondere das Sozialleben auf dem Campus, was zu erheblichen psychischen Belastungen beitragen kann. Dennoch wird die Umstellung der Präsenzlehre auf digitale Formate sowohl von Lehrenden als auch Studierenden überwiegend positiv bewertet und als Erfolg betrachtet.

Allerdings hängen die Bewertungen maßgeblich vom Format der jeweiligen Lehrveranstaltung ab. So wurden große Veranstaltungen wie Vorlesungen in digitaler Form eher positiv bewertet, während kleinere Formate wie Seminare, Laborarbeit und Übungen deutlich schlechter abschnitten. Besonders praxislastige Fächer sind von den Beschränkungen am stärksten betroffen. Sowohl die Gestaltung als auch die (aktive) Teilnahme sind dort anspruchsvoller und erfordern daher mehr Planung. Die Umsetzung virtueller Labore gestaltet sich sehr anspruchsvoll, so dass diese bisher noch eine Ausnahme darstellen.

Unter Lehrenden befürworten fast drei Viertel der Befragten eine langfristige Digitalisierung der Lehre. Ein Großteil der Lehrenden, die an der Befragung teilnahmen, möchte weiterhin digitale Lehrformate anbieten.

Das kürzlich begonnene Wintersemester stellt weitere Herausforderungen sowohl an die Hochschulen als Ganzes als auch an Lehrende und Studierende. Nach dem provisorisch umgesetzten Sommersemester hoffen viele Beteiligte auf reibungsloserere Abläufe. Auch eine stärkere didaktische Durchdringung der genutzten Formate wird häufig gefordert, da dieser Faktor bei der kurzfristigen Umstellung des digitalen Sommersemesters zu kurz gekommen sei. Immerhin musste die Umstellung auf digitalisierte Lehre oft binnen 30 Tagen vollzogen werden. Zusätzlich beginnen an vielen Hochschulen Erstsemester ihr Studium, die oft nicht mit den Prozessen und Aufgaben im Hochschulalltag vertraut sind und daher umfangreicher Unterstützung bedürfen.

Zur Lösung dieser Probleme empfehlen die Autoren die Bereitstellung von Interaktions- und Präsenzformaten für Erstsemester-Studierende sowie Fortbildungsmaßnahmen für Lehrende und eine Vereinheitlichung und Verbesserung der technischen Standards und der IT-Infrastruktur. Mittel- und langfristig sollten Hochschulen die didaktische Durchdringung von (hybriden) Lehrkonzepten unterstützen. Insgesamt sollte eine umfassende Strategie entwickelt werden, die studiengangsspezifisch sinnvolle Maßnahmen definiert und zur Umsetzung bringt. Diese Anstrengungen könnten auf organisatorischer Ebene durch die Einrichtung einer Chief Digital Officer-Funktion (bzw. einer entsprechenden Abteilung) flankiert werden. Zudem empfehlen die Autoren die Einbindung Studierender in organisatorische Prozesse, beispielsweise über einen studentischen Vizepräsidenten.


Mathias Winde, Said D. Werner, Barbara Gumbmann, Solveigh Hieronimus: Hochschulen, Corona und jetzt? Hrsg. vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft. Essen: Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft 2020 (Future Skills–Diskussionspapier 4).

Bildquelle: Pexels/Jeffrey Czum


Dr. Klaus Wannemacher